Im Alltag erleben wir ein breites Spektrum an Emotionen und eine davon ist Traurigkeit. Obwohl die Bandbreite an Gefühlen sehr groß ist, gibt es sechs „Grundemotionen“, die in der natürlichen Entwicklung eines jeden Menschen unabhängig von Herkunft, Kultur und Zeit auftreten. Zu diesen sechs Emotionen gehören neben Traurigkeit auch Freude, Angst, Wut, Ekel und Überraschung. Sie alle sind für unser persönliches und soziales Leben unerlässlich.
Doch auch wenn diese Gefühle aufgrund bestimmter Eigenschaften für unser Leben nützlich sind, können sie zu gewissen Zeiten oder Situationen dysfunktional oder sogar pathologisch werden. Es ist wichtig, den Unterschied zwischen einem normalen und einem pathologischen Gefühl zu kennen, damit man weiß, wann man zu dessen Bewältigung Hilfe in Anspruch nehmen muss. Diese Hilfe kann das Aufsuchen einer Fachkraft sein, etwa eines Arztes oder einer Psychologin.
An dieser Stelle sollte man sich vor Augen halten, dass alle Emotionen eine Funktion erfüllen, sowohl die angenehmen – wie Freude – als auch die unangenehmen, darunter Traurigkeit, Angst und Wut. Jede Emotion regt uns dazu an, das zu tun, was für uns in der jeweiligen Situation am sinnvollsten ist.
In diesem Artikel geht es speziell um eine Emotion: die Traurigkeit. Traurigkeit ist ein unangenehmes und unbehagliches Gefühl. Sie geht einher mit negativer Stimmung, fehlender Motivation und Energielosigkeit.
Wenn wir Schwierigkeiten haben, unsere eigene Traurigkeit zu ertragen, fällt es uns wahrscheinlich auch schwer, mit der Traurigkeit anderer umzugehen. Deshalb hört man häufig Sätze wie „Kopf hoch“, „Nicht weinen“, „Weinen bringt auch nichts“, „Das ist es nicht wert“, „Du solltest rausgehen und dich einfach amüsieren“.
Diese Sätze sind jedoch völlig nutzlos. Tatsächlich hat Traurigkeit eine wichtige Funktion für unser Wohlbefinden, da sie uns zum Nachdenken und zur Analyse einer unerfreulichen Situation anregt. Schauen wir uns das anhand eines Beispiels genauer an. Nehmen wir an, wir haben eine Trennung hinter uns. Es ist ganz normal, in einer solchen Situation traurig zu sein. Diese Traurigkeit weckt die Aufmerksamkeit unseres Umfelds, was wiederum zu Fürsorge und Zuwendung in Zeiten der Verletzlichkeit führt.
Jetzt, wo wir wissen, wie wichtig Traurigkeit für ein gesundes Gleichgewicht ist, wollen wir klären, wie sie sich von einer Depression unterscheidet. Eine Depression ist eine Stimmungsstörung bestehend aus einer Reihe von Symptomen wie Apathie, Unlust, Hoffnungslosigkeit, Niedergeschlagenheit, Reizbarkeit und einem subjektiven Gefühl des Unbehagens und der Hilflosigkeit angesichts der Herausforderungen des Lebens.
Die Merkmale einer Depression können also mit Traurigkeit verwechselt werden. Der entscheidende Unterschied zwischen pathologischen und normalen Emotionen findet sich in der Ursache der Stimmung, ihrer Intensität und dem Grad der funktionellen und sozialen Beeinträchtigung.
Auf diese Ursachen gehen wir nun im Einzelnen ein:
- Ursache und Wirkung: Normalerweise sind unsere Gefühle eine Reaktion auf ein Ereignis. Wenn man zum Beispiel nachts zu Hause ein seltsames Geräusch hört, bekommt man Angst. Im Falle einer dysfunktionalen Emotion hingegen empfinden wir ein Gefühl ohne einen klaren Auslöser. So kann jemand z. B. deprimiert sein und keinen ersichtlichen Grund für diese Traurigkeit finden.
- Häufigkeit und Intensität: Im Laufe des Tages erleben wir verschiedene Gefühle mit begrenzter Intensität und Dauer. Wenn ein Gefühl sehr intensiv ist und lange anhält, handelt es sich möglicherweise um eine stärkere emotionale Störung. Daher ist der Leidensdruck viel größer.
- Grad der Beeinträchtigung: Stimmungsstörungen haben einen großen Einfluss auf das Leben der Betroffenen. Im Gegensatz zu gesunden Emotionen, mit denen wir unseren Alltag normal bewältigen können, führen pathologische Emotionen zu einer ernsthaften Beeinträchtigung der Lebensqualität, und zwar nicht nur des emotionalen und kognitiven Wohlbefindens, sondern auch der körperlichen Gesundheit.
Abgesehen davon, wie wir Emotionen erleben, sind auch die Strategien, die wir zur Bewältigung schwieriger Situationen einsetzen, von entscheidender Bedeutung. Grob gesagt kann man zwischen der Reaktion des Grübelns und der Reaktion des Vermeidens oder Ablenkens unterscheiden.
Bei einer Reaktion durch Grübeln werden die Ursachen der jeweiligen Stimmung immer wieder thematisiert, ohne dass etwas unternommen wird. Reagiert man hingegen in Form von Ablenkung, beschäftigt man sich mit vergnüglichen Aktivitäten, die die Aufmerksamkeit von der Emotion ablenken. Grundsätzlich ist festzuhalten, dass keine der beiden Reaktionen besser oder schlechter als die andere ist. Je nach dem Ereignis, das es zu bewältigen gilt, kann sich jede der beiden Reaktionen als mehr oder weniger geeignet erweisen.
Im Falle einer Depression belegen verschiedene Studien, dass eine grüblerische Reaktion für Patienten schädlicher ist, während sich die ablenkende Reaktion, die uns eher zum Handeln veranlasst, als effektiver erwiesen hat.
Die Fähigkeit, unsere Emotionen und die der anderen Menschen zu erkennen, zu verarbeiten, zu verstehen und zu steuern, bestimmt in hohem Maße die Lebensqualität. Gemäß John Mayer und Peter Salovey, den Vordenkern auf dem Gebiet der emotionalen Intelligenz, ist diese Fähigkeit ein wichtiger Schutz gegen schwierige Lebenssituationen einschließlich Depressionen.